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Brandenburg trauert um Manfred Stolpe

Rede von Ministerpräsident Dietmar Woidke am 21. Januar auf der Gedenkfeier des Landes Brandenburg für Manfred Stolpe

veröffentlicht am 21.01.2020


„Brandenburg trauert um Manfred Stolpe. Uns allen ist das Herz schwer in diesen Tagen. Wir vermissen Manfred Stolpe schmerzlich. Zugleich sind wir voller Dankbarkeit. Wir durften Manfred Stolpe erleben, kennenlernen, eine Wegstrecke mit ihm gehen und mit ihm zusammenarbeiten.


Sein Lebensweg ist untrennbar mit Brandenburg verbunden. Er hat viele von uns, auch mich, geprägt. Manfred Stolpe fand seine Berufung früh: Er wolle mit seinen Kenntnissen (Zitat) „anderen Leuten, die nicht genau Bescheid wissen, wie man es macht, zur Seite stehen“. Anderen zur Seite stehen! Das ist der rote Faden in seinem Leben, dem er unbeirrt folgte – als Christ, als Jurist, als Politiker, als Menschenfreund.


Er selbst hat schon einiges hinter sich, als er 1959 mit 23 Jahren nach Potsdam kommt: eine von Krieg und Flucht überschattete Kindheit in Pommern und eine Jugend im Nachkriegsdeutschland. Später macht er in Greifswald das Abitur und studiert in Jena Rechtswissenschaften. Sein christlicher Glaube und seine bürgerliche Haltung werden ihm angekreidet: Anwalt darf er in der DDR nicht werden. Stattdessen tritt er in den Vorbereitungsdienst der Evangelischen Kirche ein und arbeitet im Konsistorium Berlin-Brandenburg.


Weil ihm auch der Umzug nach Berlin verwehrt wird, zieht er mit seiner späteren Frau Ingrid nach Potsdam. Diese Stadt wird sein Lebensmittelpunkt für sechs Jahrzehnte sein. Von Potsdam aus entdeckt er Brandenburg. Er vertieft sich in die brandenburgisch-preußische Geschichte und hat seine Freude daran, mit dem Roten Adler als Aufkleber an seinem Auto durch die DDR zu fahren.  


Als Kirchenjurist in der DDR ist Manfred Stolpe seit den 1960er Jahren mit zahlreichen Einzelschicksalen bedrängter, hilfloser und verzweifelter Menschen konfrontiert. Niemand ist ihm gleichgültig, jedem versucht er zu helfen. Er steht den Menschen zur Seite, setzt sein juristisches Wissen für sie ein. Für Wehrdienstverweigerer, Ausreisewillige, Friedensrechtler und viele andere ist er Nothelfer und Schutzpatron.


Zusammen mit Gleichgesinnten macht er die Kirche in der DDR mehr und mehr zum Freiraum und Schutzraum für Andersdenkende. Ich selbst habe Manfred Stolpe 1983 in Eisleben kennengelernt. Die DDR feierte dort am 10. November den 500. Geburtstag von Martin Luther. Ich war in der Besucherbetreuung eingesetzt und traf mit ihm im Pfarrhaus der Andreas-Kirche zusammen. Sein bescheidenes und zugleich selbstbewusstes Auftreten hat mich schon damals beeindruckt und begeistert. Später traf ich ihn noch einige Male in der Studentengemeinde in Berlin. Immer ging ich ermutigt und gestärkt aus diesen Begegnungen. 


So wie mir ist es vielen Menschen in der DDR gegangen, nicht nur Christen. Viele hatten vorsichtshalber seine Telefonnummer in der Tasche. Manfred Stolpe ist Mittler zwischen Kirche und Staat und ein besonnener wie mutiger Problemlöser. Schon damals kann sich kaum jemand seinem Charisma entziehen. Er hört den Menschen genau zu. Er nimmt wahr, was andere nicht wahrhaben wollen: dass die SED-Diktatur ins Wanken gerät.  


Als die Menschen in der DDR 1989 die SED-Herrschaft mit einer friedlichen Revolution hinwegfegen, ist Manfred Stolpe Anfang Fünfzig. Er erlebt wie alle anderen einen gesellschaftlichen Umbruch im Schnelldurchlauf. Einerseits entstehen demokratische Strukturen, andererseits kollabiert die DDR-Wirtschaft binnen weniger Monate. Frauen und Männer aus Stolpes Generation werden in die Arbeitslosigkeit oder den Vorruhestand geschickt. Die Jungen und selbst mittlere Jahrgänge zieht es nach Westen. Wer nicht gehen kann oder will, hat es in den ersten Jahren oft schwer.


Manfred Stolpe bleibt seinem Credo treu. Am 7. Juli 1990 tritt er in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein. Wenig später entscheidet er sich in die Politik zu gehen. Am 1. November 1990 wird Manfred Stolpe zum ersten Ministerpräsidenten des gerade erst gegründeten Landes Brandenburg gewählt. Er ist wie geschaffen für dieses Amt und er wird es auf einmalige und unverwechselbare Weise ausfüllen.


In den zwölf Jahren als Regierungschef gibt Manfred Stolpe Brandenburg Gesicht und Stimme. Das Land steht – wie ganz Ostdeutschland - in den neunziger Jahren vor gewaltigen Aufgaben. Doch während in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg ein Wir-Gefühl überlebt hat, ist die Erinnerung an das ehemalige Kernland Preußens verschüttet. In den früheren Bezirken Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus fühlen sich die meisten Menschen damals nicht als Brandenburger. Folgerichtig verknüpft Manfred Stolpe den Aufbau des Landes mit der Identitätsfindung für Brandenburg.


Er weiß, wie stark Symbole wirken und sorgt dafür, dass der Rote Adler, die Märkische Hymne und der Brandenburg-Tag den Menschen vertraut werden. So wichtig ihm sein Land ist, so sehr will er es in der Europäischen Union verankert wissen. Gute Kontakte nach Brüssel sind für ihn unverzichtbar. Mit höchster Sensibilität geht Stolpe auf unsere polnischen Nachbarn zu. Er öffnet den Blick nach Osteuropa und begründet viele internationale Partnerschaften.


Politisch setzt er auf Integration statt Ausgrenzung. Er will möglichst viele Menschen in ein demokratisches Brandenburg mitnehmen und den Zusammenhalt im Land stärken. Dafür steht der Brandenburger Weg und dafür steht unsere Landesverfassung. Viele Mitstreiter und Freunde Manfred Stolpes aus dieser Zeit sind heute hier unter uns, andere leider nicht mehr. Stellvertretend für alle, die mit ihm zusammen für Brandenburg arbeiteten, will ich an drei Persönlichkeiten erinnern: Regine Hildebrandt, Lothar Bisky und Jörg Schönbohm.


Sie werden mir zustimmen: Unterschiedlicher als diese drei können Menschen kaum sein: die temperamentvolle „Mutter Courage“, der besonnene linke Intellektuelle, der konservative „General“. Und doch sind sie in der Zusammenarbeit mit Manfred Stolpe alle drei vor allem eines: überzeugte Brandenburger. 


Manfred Stolpe wird schnell zum Landesvater erklärt. Doch er selbst sieht sich lieber als (Zitat) „Häuptling der Streusandbüchse“. So oder so, er füllt die Rolle als Landesvater aus. Die Menschen fühlen sich von Manfred Stolpe gesehen. Er begegnet jedem respektvoll, ohne Ansehen der Person. Er ist ein aufmerksamer Beobachter und geduldiger Zuhörer. Selten entgeht ihm etwas.  Und noch seltener vergisst er etwas.


Oft sind es Kleinigkeiten, mit denen er die Herzen gewinnt: die Frage nach der Familie, ein ehrliches Kompliment, das herzliche Dankeschön für eine gelungene Veranstaltung, das Winken noch aus dem Auto heraus, der schriftliche Gruß im Nachhinein. Manfred Stolpe ist ein erfolgreicher und beliebter Ministerpräsident. Doch auch er kennt Zweifel und erlebt manch bittere Stunde.


Menschen sind enttäuscht, weil Industriebetriebe nicht erhalten werden können, weil Dörfer weiter der Kohle weichen müssen, weil der neue Flughafen statt in Sperenberg doch in Schönefeld gebaut wird. Die Fusion von Berlin und Brandenburg scheitert am Votum der Brandenburgerinnen und Brandenburger. Manfred Stolpe geht offen damit um und lernt daraus.


Als er Verdächtigungen, Anschuldigungen, Verleumdungen wegen seiner DDR-Vergangenheit ausgesetzt ist, zeigt er pommersche Gelassenheit und menschliche Größe. Selbstbewusst und sachlich steht er Rede und Antwort. Und zu keiner Zeit vergilt er Gleiches mit Gleichem. Für seine Haltung und für seinen Umgang mit den Anwürfen zollen ihm nicht nur seine Mitstreiter höchsten Respekt.


Die Verdienste Manfred Stolpes um das Land Brandenburg sind groß. Als er 2002 den Staffelstab an Matthias Platzeck übergibt, haben die Brandenburgerinnen und Brandenburger zu sich und zu ihrem Land gefunden. Die Zeit der Umbrüche ist gemeistert. Das Fundament für eine erfolgreiche Entwicklung Brandenburgs ist gelegt. Wir alle wissen, dass Manfred Stolpe sich auch nach seiner Zeit als Ministerpräsident und trotz schwerer Krankheit für Demokratie und Miteinander eingesetzt hat.


Der Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit war ihm besonders wichtig. Lange noch baute er Brücken, vor allem nach Polen und Russland. Mit Leidenschaft engagierte er sich in der Denkmalpflege, für die steinernen Zeugen der Landesgeschichte. Seine Anteilnahme am Schicksal anderer, seine Fürsorge und Nächstenliebe hielt er aufrecht, so lange er es konnte.


Und fast bis zuletzt blieb er mit seinen Mitmenschen im Gespräch.


Ich selbst bin sehr dankbar dafür, dass ich ihn in den vergangenen Jahren immer wieder in der Johanniter-Residenz besuchen durfte und mich mit ihm austauschen konnte. Oft ging sein Blick über die stille Havel nach Hermannswerder, einem seiner Lieblingsorte in Potsdam.


Manfred Stolpe wird uns unvergesslich bleiben.


Ihn ehren heißt sein Werk fortsetzen:


den Menschen zuhören, das Miteinander pflegen, unser friedliches, demokratisches, tolerantes Brandenburg stärken und weiterentwickeln. Das ist sein Vermächtnis. Das ist unsere Aufgabe.


Ich danke Ihnen. Und ich verneige mich vor Manfred Stolpe.“