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Eröffnung der Ausstellung „Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße“

Platzeck: Erinnerung an Opfer des Stalinismus wachhalten

veröffentlicht am 18.04.2012

Ministerpräsident Matthias Platzeck hat am Mittwoch in Potsdam im Beisein von Kulturstaatsminister Bernd Neumann die neue Dauerausstellung in der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße eröffnet. „Mit dem Gebäude und der Ausstellung `Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße` wird die Erinnerung an die vielen Opfer des Stalinismus wachgehalten. Dank der Unterstützung des Bundes ist es gelungen, eine umfangreiche Ausstellung zur leidvollen Geschichte dieses Hauses zu realisieren“, sagte der Ministerpräsident auf der Eröffnungsfeier. Bei der Zeremonie lasen Potsdamer Schüler aus Erinnerungsberichten ehemaliger Häftlinge vor, zudem wurden Kränze an der neuen Gedenktafel am historischen Gefängnisgebäude niedergelegt. Auch Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt sowie Vertreter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten – in deren Verantwortung sich die Gedenkstätte befindet – sprachen zu den Gästen.


Platzeck weiter: „Für das Land Brandenburg sind die Aufarbeitung der Geschichte des Gefängnisses Leistikowstraße und die Ehrung der Opfer wichtiger Bestandteil der Erforschung der Diktaturgeschichte insgesamt.“ Besonders dankte der Ministerpräsident ehemaligen Häftlingen, die sich ehrenamtlich in die Erarbeitung der Ausstellung eingebracht hätten: „Wir können ihnen gar nicht genug für ihren Mut und ihre Bereitschaft danken, sich offensiv mit den eigenen, schmerzhaften Erfahrungen auseinanderzusetzen.“ Auch deshalb erhalte die Gedenkstätte Leistikowstraße den ihr gebührenden Platz in der Erinnerungskultur des Landes Brandenburg.


Staatssekretär Gorholt betonte: "Die Ausstellung leistet einen wichtigen Beitrag für die historisch-politische Bildung. Ausstellungen wie diese sind besonders wichtig, weil heute kaum noch vorstellbar ist, dass es sich seinerzeit lediglich um Pseudogerichte handelte, in denen es zu keiner Zeit um Wahrheitsfindung und Rechtssprechung ging. Insbesondere durch die Darstellung konkreter Schicksale wird die Dimension des stalinistischen Terrors auch für heutige Jugendliche deutlich. Eindrücklich wird gezeigt, dass jede Denunziation, Kontakte mit Ausländern, das Eintreten für demokratische Rechte und Freiheit, aber auch weitaus geringfügigere Anlässe dazu führen konnten, als ´Spion` verhaftet und in Schnellverfahren verurteilt zu werden."


Stiftungs-Direktor Günter Morsch hob hervor: „Wie kaum ein anderer historischer Ort vermag das ehemalige Gefängnis in der Leistikowstraße die Brutalität des sowjetischen Terrors zum Ausdruck zu bringen. Es ist die Aufgabe der Ausstellung, die Ursachen und Hintergründe, die Opfer wie die Täter darzustellen und zu erklären. Wir bedauern es sehr, dass es im Vorfeld der Eröffnung zu Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Mitarbeitern der Gedenkstätte gekommen ist und hoffen, dass diese sich nach der Eröffnung in Gesprächen und in gegenseitigem Respekt zugunsten einer fruchtbaren Zusammenarbeit beilegen lassen.“


Gedenkstätten-Leiterin Ines Reich betonte: “Die Ausstellung dokumentiert 50 Einzelschicksale von Männern und Frauen aller Altersgruppen, die im Gefängnis Leistikowstraße inhaftiert waren. Sie zeigen, wie schnell man in den Mahlstrom der politischen Repression durch die sowjetische Besatzungsmacht geraten konnte. Die Betroffenen waren schutzlos der Missachtung demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien sowie unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt. Vielfach bezahlten sie dafür mit dem Leben.“


Hintergrundinformationen zur Ausstellung und zum Gefängnis (Quelle: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten)


Dauerausstellung "Das sowjetische Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße Potsdam"


Die Ausstellung "Das sowjetische Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße Potsdam" erzählt auf rund 1000 Quadratmetern die Geschichte des zentralen Untersuchungsgefängnisses der sowjetischen militärischen Spionageabwehr in der SBZ/DDR. Sie berichtet vor allem über die Menschen, die hier unter Folter, Angst und völlig unzureichender Versorgen litten. Die Ausstellung zeigt rund 400 Exponate, Fotos, Dokumente und dreidimensionale Objekte, darunter auch solche, die Häftlinge in den Zellen der Leistikowstraße bei sich führten: Hergart Wilmanns konnte ein Kopftuch, das ihre Mutter ihr bei der Verhaftung zuwarf, über alle Haftstationen retten. Für Karl-Heinz Schommler war ein Rosenkranz, den er in der Hosennaht versteckte, ein wichtiger Begleiter durch zahlreiche sowjetischen Gefängnisse und Lager. Ergänzt wird die Ausstellung durch 6 Medienstationen mit 30 Interviewsequenzen mit ehemaligen Häftlingen, 4 Loops mit 60 Fotos und Dokumenten sowie einer Multimediastation.


Der Ausstellungsrundgang beginnt im Obergeschoss und erschließt das ehemalige Gefängnisgebäude chronologisch-thematisch. Da die Authentizität des Gebäudes vom Obergeschoss zum Keller deutlich zunimmt, wird das Ausstellungsvolumen von Etage zu Etage reduziert, so dass die Mehrzahl der Ausstellungsthemen im Obergeschoss präsentiert wird. In der ehemaligen Diele im Obergeschoss findet der Besucher zunächst ein einführendes Ausstellungskapitel zur Geschichte des Ortes. Im so genannten Vernehmerflügel, wo sich nach 1945 Büros und Vernehmerzimmer des Geheimdienstes befanden, sind die Ausstellungskapitel angesiedelt, die die Geschichte des Gefängnisses in den zeithistorischen Kontext und in die Geschichte der sowjetischen Geheimdienste einordnen.


Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Schicksale ehemaliger Häftlinge, insgesamt werden auf den 3 Etagen der Ausstellung 50 Lebensgeschichten thematisiert. 19 ausführliche Häftlingsbiografien findet der Besucher in 3 Räumen im südlichen Flügel des Obergeschosses, in denen der Geheimdienst Häftlinge in Sammelzellen einsperrte. Die Räume im Erdgeschoss sind dem Thema "Haftalltag" gewidmet, das vor allem durch die Erzählungen von ehemaligen Häftlingen vermittelt wird. Sechs Medienstationen präsentieren filmische Interviews über "Verhaftung und Ankunft", "Unterbringung und Mitgefangene, "Versorgung und Hygiene", "Tagesablauf und Selbstbehauptung", "Gefängnispersonal" sowie "Verhöre und Prozess". In jeder Medienstation kommen fünf Zeitzeugen zu Wort: Frauen und Männer, deutsche und sowjetische Häftlinge. Sie waren zu jeweils anderen Zeiten inhaftiert und berichten von unterschiedlichen Erfahrungen mit der Verhaftungspraxis und dem Haftregime.


Im Kellergeschoss kommen Ausstellungselemente nur sparsam zum Einsatz, um die Aura des Ortes nicht zu zerstören. Aufgrund von Auflagen der zuständigen Ordnungsbehörden können die Besucher in den engen Kellergängen nur den Westflügel besichtigen. Außerdem dürfen die Zellen aus konservatorischen Gründen nicht betreten werden, denn die kostbaren Inschriften, die Häftlinge hier in großer Zahl hinterlassen haben, müssen vor mechanischem Abrieb geschützt werden, um sie dauerhaft zu erhalten. In zwei Zellen werden die Häftlingsinschriften exemplarisch sichtbar gemacht. Besucher lernen dort die Schicksale von acht „Inschriftenautoren“ kennen.


Das Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße 1


Im Gebäude befand sich von Sommer 1945 bis weit in die 80er Jahre das zentrale Durchgangs- und Untersuchungsgefängnis der sowjetischen militärischen Spionageabwehr. Der Geheimdienst hielt dort Häftlinge aus der gesamten Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen, verhörte sie und zwang sie insbesondere in den ersten Jahren mit psychischer und physischer Gewalt zu Geständnissen. Eingesperrt waren Frauen und Männer, Jugendliche und Erwachsene, Deutsche und Ausländer, in ihrer großen Mehrheit Bürger der Sowjetunion. Nach 1955 verhaftete die Spionageabwehr ausschließlich Militärangehörige und Zivilangestellte der in Deutschland stationierten Truppen der Sowjetarmee. Es gibt kaum eine zweite Haftanstalt, die in so beklemmender Authentizität erhalten geblieben ist wie das zum Gefängnis umgebaute ehemalige Pfarrhaus der vom Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein gegründeten Evangelischen Frauenhilfe.


Die Personen, die aus allen Schichten und Altersklassen stammten, kamen als Untersuchungshäftlinge oder Verurteilte in dieses Gefängnis. Der jüngste Häftling war zwölf Jahre alt. Die Gründe, Anlässe und Vorwände der Verhaftungen waren ebenso vielfältig wie die Lebensläufe der Betroffenen. Anfänglich wurde ihnen überwiegend eine Mitschuld für nationalsozialistische Verbrechen vorgeworfen. Der Verdacht, der Untergrundorganisation „Werwolf“ anzugehören, führte ebenfalls zu Verhaftungen. Ab 1946 wurde den Festgenommenen immer häufiger „Spionage“ vorgeworfen. Dies war ein Etikett, mit dem jede kritische Regung kriminalisiert werden konnte. Seit den 60er Jahren wurden Sowjetbürger zunehmend wegen Fluchtversuchen, Disziplinarverstößen oder krimineller Delikte verhaftet.


Die Häftlinge waren im Gefängnis Leistikowstraße menschenunwürdigen Bedingungen ausgesetzt. Unter den massiven physischen und psychischen Folgen von Haft und Folter leiden Überlebende noch heute. In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die Zustände besonders hart: Hunger, Kälte, Isolation von der Außenwelt, Orientierungslosigkeit, Bewegungs- und Beschäftigungsmangel prägten die Haft. Viele fürchteten eine Deportation in die Sowjetunion. Es gab keinerlei Kontakte zur Familie, Rechtsbeistand war nicht vorgesehen. Schlafentzug, Einzelhaft und nächtliche, oft brutale Verhöre, zermürbten die Häftlinge. Eine medizinische Grundversorgung gab es nicht. Es fehlten selbst einfachste Mittel zur Körperpflege. Wäsche zum Wechseln war nicht vorgesehen; für die Dauer der Untersuchungshaft trugen die Gefangenen die Kleidung, die sie bei ihrer Verhaftung getragen hatten. Wie viele Menschen durch die Haftbedingungen starben, ist nicht belegt. In den 60er Jahren verbesserte sich die Situation durch den Einbau von Sanitäranlagen und Freigangzellen im Hof.


In der Untersuchungshaft wurden die Häftlinge von Geheimdienstmitarbeitern intensiv verhört. Diese versuchten mit allen Mitteln, Geständnisse von den Inhaftierten zu bekommen. Reichten Drohungen und Beschimpfungen nicht aus, schlugen, quälten und misshandelten sie die Gefangenen oder ordneten Foltermaßnahmen wie Schlaf- und Essensentzug sowie Isolations- oder Dunkelhaft an. Die Verhöre stellten die größte Tortur für die Häftlinge dar. Die Gefangenen wurden demoralisiert und ihr Widerstand gebrochen. Sie mussten die Verhörprotokolle mit den erpressten Geständnissen unterschreiben. Diese galten als wichtigster und häufig einziger Schuldbeweis für eine Verurteilung.


Sowjetische Militärtribunale verurteilten die Gefangenen meist zu langjährigen Haftstrafen oder sogar zum Tode. Zur Verbüßung der Haftstrafen wurden die Gefangenen in die Speziallager und Gefängnisse in der SBZ/DDR, in den sowjetischen Gulag oder in sowjetische Gefängnisse transportiert. Für durch sowjetische Gerichte verurteilte Deutsche gibt es seit 1992 die Möglichkeit, ihre Urteile überprüfen zu lassen. Die russische Militärstaatsanwaltschaft hat 80 Prozent der Antragsteller bescheinigt, dass ihre Verurteilung politisch motiviert war und rechtsstaatlichen Kriterien nicht genügte.