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Pressedienst

Nach Jahren der Suche jetzt Hoffnung auf Klarheit:

21.04.2009 Auf Grundstück in Jamlitz beginnen Suchgrabungen nach Massengrab 753 jüdischer KZ-Opfer

Schönbohm: Grabstelle wird ein Ort würdevoller Totenruhe und stillen Gedenkens

 
Nr. 068/2009

Auf einem Grundstück in Jamlitz (Landkreis Dahme-Spreewald) beginnen am morgigen Mittwoch Suchgrabungen nach dem vermutlich deutschlandweit größten Massengrab jüdischer NS-Opfer außerhalb der KZ-Hauptlager. Das hat Innenminister Jörg Schönbohm heute in Jamlitz auf einer Pressekonferenz mitgeteilt. In dem auf einer etwa 5.000 Quadratmeter großen Grundstücksfläche vermuteten Grab ruhen die sterblichen Überreste von 753 Frauen und Männern, die am 2. Februar 1945 bei einer Mordaktion der SS erschossen wurden. Die kranken, nicht gehfähigen Häftlinge wurden bei der Räumung des Außenlagers Lieberose des KZ Sachsenhausen ermordet. Bei einer zweiten Massenerschießung am 3. Februar 1945 waren 589 weitere KZ-Häftlinge erschossen worden. Ihre Gebeine hatte man in den Jahren 1958 bzw. 1971 bei Bauarbeiten in einer Kiesgrube bei Staakow gefunden.

Minister Schönbohm erinnerte heute vor der Presse an die jahrelangen Bemühungen, die noch unentdeckte Grabstelle der überwiegend ungarischen und polnischen KZ-Opfer zu finden. „Es war und ist für das Land und die Kommune eine historisch-moralische und dabei zutiefst politische Verpflichtung, den Angehörigen der Opfer diese erhoffte Klarheit zu geben. Damit wird es möglich, die Grabstelle zu einem schlichten Ort würdevoller Totenruhe und mahnenden, stillen Gedenkens zu gestalten", sagte Schönbohm in Jamlitz. Er dankte in diesem Zusam men hang der Verwaltung des Amtes Lieberose/Oberspreewald und der Gemeinde Jamlitz für die Konsequenz, mit der sie sich „einem dunklen Kapitel regionaler Geschichte" gestellt hätten. „Ohne diese sicher auch schmerzhafte Sensibilität der Menschen vor Ort kann es keine wirkliche Aufarbeitung geben", betonte Schönbohm. Am morgigen Mittwoch jährt sich zum 64. Mal der Tag, an dem das KZ Sachsenhausen im April 1945 befreit wurde.

Zum unbekannten Massengrab der KZ-Opfer begann nach der friedlichen Revolution von 1989 die zielgerichtete Aufarbeitung. Das heute für die Feststellung, Anlegung und Pflege der Grabstelle verantwortliche Amt nahm Mitte der 90er Jahre die Suche auf. Auf Grund des erkennbaren Ausmaßes der Suchmaßnahmen

übernahm danach das für Gräberfragen zuständige Innenministerium deren Koordinierung und richtete im Jahr 2002 eine behördenübergreifende Arbeitskommission ‚Jamlitz' ein. Darin arbeiteten unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mit. Bis zum Jahr 2004 waren etwa 20 in Frage kommende Areale mit einer Gesamtfläche von über 200.000 Quadratmetern erfolglos abgesucht worden.

Offen blieb das Grundstück in Jamlitz, das von Anfang an auf Grund von Zeitzeugenaussagen und weiteren Historikererkenntnissen als so genannte ‚Hauptverdachtsfläche' galt. Suchmaßnahmen scheiterten hier jedoch, da trotz jahrelanger Bemühungen keine Zustimmung des Grundstückseigentümers erreicht werden konnte. Auch vor Gericht gelang es dem Amt Lieberose/Oberspreewald nicht, die Suchmaßnahmen durchzusetzen. Erst im Herbst vergangenen Jahres wurde im Rahmen der rechtlichen Auseinandersetzung durch das Amt eine Einigung mit dem Grundstückseigentümer erzielt, die den Weg zu den Suchgrabungen frei machte. Eine daraufhin erneut gebildete Arbeitskommission ‚Jamlitz II' aller beteiligten Behörden und Organisationen bereitete die jetzt beginnenden Suchgrabungen vor.

Die Generalstaatsanwaltschaft des Landes Brandenburg nahm im vergangenen Jahr auf Grund neuer Erkenntnisse aus den Historikeruntersuchungen zu der Mordaktion die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Unbekannt wieder auf. Ausgangspunkt war ein durch den Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erarbeitetes wissenschaftliches Gutachten zur Existenz und vermutlichen Lage des Massengrabes. Vorangegangene Ermittlungen, die von der Staatsanwaltschaft Cottbus geführt worden waren, mussten im Jahr 2002 eingestellt werden, nachdem ein Beschuldigter bereits verstorben und der zweite bekannt gewordene Beschuldigte nicht mehr verhandlungsfähig war.

Auf der heutigen Pressekonferenz in Jamlitz erklärte Dr. Peter Fischer vom Zentralrat der Juden in Deutschland:

Für die jüdische Gemeinschaft im In- und Ausland und umso mehr die Nachfahren und Angehörigen der in Jamlitz ermordeten Juden, ist die endlich zustande gekommene Fortsetzung der Suche nach den sterblichen Überresten am historisch-authentischen Ort des Massakers mit einem Prozess tiefster seelischer Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und den katastrophalen Folgen des Nationalsozialismus verbunden. Auch die Jahrzehnte nach dem Krieg haben nichts am Schmerz genommen und so stehen die Untersuchung der Mordstätte und die Suche nach sterblichen Überresten völlig im Zeichen elementarer humanitärer Rechte. Wir sind hierbei über die Jahre der historischen Recherche auch all jenen Menschen aus Deutschland verbunden, die dieses Verständnis mit uns teilen und die dies zu ihrem persönlichen Anliegen werden ließen."

Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Prof. Dr. Günter Morsch, sagte:

„Wir hoffen sehr, dass die nun beginnenden Suchgrabungen Gewissheit über den Verbleib der 753 Opfer geben werden, die die SS hier in einer unvorstellbaren Massenmordaktion am 2. Februar 1945 ermordet hat. Mehr als 60 Jahre nach der Tat, nach jahrzehntelangem Desinteresse der Verantwortlichen in der DDR, nachdem schließlich in den vergangenen Jahren zahlreiche andere Verdachtsflächen mit hohem technischem Aufwand überprüft wurden und nach einem ebenso langen wie empörenden Rechtsstreit um die Zutrittsgenehmigung zu dem Grundstück, für das von Anfang an die meisten Indizien sprachen - nach dieser langen Zeit bleibt nur zu wünschen, dass dieses Kapitel in der Geschichte des Holocaust endlich aufgeklärt werden kann und die Opfer eine würdige Grabstätte erhalten."

Für das Amt Lieberose/Oberspreewald betonte Amtsdirektor Bernd Boschan:

„Die Gemeinde Jamlitz und das Amt Lieberose/Oberspreewald haben sich bei der Suche nach dem Massengrab jüdischer KZ-Opfer von Anfang an ihrer eigenen geschichtlichen Verantwortung aus der Aufarbeitung der NS-Zeit gestellt. Wir sind deshalb alle sehr froh, dass nach den vielen Jahren ohne erhoffte Ergebnisse und bei schwierigen rechtlichen Rahmenbedingungen eine Lösung für die ausstehenden Suchmaßnahmen erreicht worden ist. Endlich kann auf dem Grundstück gesucht werden, wo das Grab vermutet wird. Die Bewohner der Gemeinde Jamlitz warten darauf, dass mit dem Auffinden der Opfer die barbarischen Massenmorde der SS aus den Schlusstagen des KZ-Außenlagers ihre letzten Fragezeichen verlieren."

Oberstaatsanwalt Eugen Larres von der Generalstaatsanwaltschaft des Landes Brandenburg sagte:

„Im Zentrum der nunmehr von der Generalstaatsanwaltschaft geführten Untersuchung steht zum einen die mögliche Feststellung weiterer Zeitzeugen, die Auskunft über die genauen Umstände und Hintergründe der Mordaktion geben können. Zum anderen verspricht auch die inzwischen auf eine Verdachtsfläche konzentrierte Suche nach den sterblichen Überresten der Opfer zusätzliche Erkenntnisse zur Aufklärung des Verbrechens. Ob die Ermittlungen letztlich zu einem Erfolg führen, d. h., ob noch lebende Tatverdächtige ermittelt werden können, erscheint aufgrund des Zeitablaufs zwar fraglich, ist aber auch heute noch nicht ausgeschlossen, da zum SS-Wachbataillon 4, das in Jamlitz stationiert war, zwischen 120 und 130 SS-Männer im Alter von damals ca. 20 Jahren gehörten. Schon die Schwere der verfahrensgegenständlichen Mordtaten gebietet es daher, neuen und unerledigten Ermittlungsansätzen konsequent nachzugehen."

Das mit den morgen beginnenden Suchgrabungen beauftragte Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum rechnet derzeit mit etwa dreiwöchigen Sucharbeiten auf dem Grundstück in Jamlitz.

Nach Kriegsende befand sich in Jamlitz auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers das sowjetische Speziallager Nr. 6. In diesem Internierungslager fanden zwischen 1945 und 1947 über 3.400 Menschen den Tod. Ihrer wird auf dem Waldfriedhof im nahen Schenkendöbern gedacht.

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Verantwortlich:
Dorothee Stacke, Pressesprecherin
Ministerium des Innern
Henning-von-Tresckow Str. 9-13
14467 Potsdam
Telefon (0331) 866 2060
Fax: (0331) 866 2666