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Zwei Partner – eine Philosophie: Kita und Grundschule mit gemeinsamer Bildungsverantwortung

Rede von Ministerpräsident Matthias Platzeck im Rahmen des Bildungskongresses am 26. Mai 2008 im Brandenburg-Saal der Staatskanzlei

veröffentlicht am 02.05.2008

Sehr geehrter Herr Minister Rupprecht,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur heutigen Bildungskonferenz heiße ich Sie alle sehr herzlich in der Staatskanzlei willkommen. Ich freue mich über das große Interesse, das die Zahl der Plätze hier im Brandenburg-Saal bei weitem übersteigt. Danke dafür, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben, um mit Vertretern aus Politik, Praxis und Wissenschaft den Übergang von der Kita in die Grundschule in unserem Land zu diskutieren.

Wer erinnert sich bei unserem heutigen Thema nicht an die Kindergartenzeit, an Zuckertüte und ersten Schultag? Die meisten von uns bekamen bei der Einschulung den Spruch vom Ernst des Lebens zu hören und die wenigsten konnten sich darunter etwas vorstellen. Ein wenig bange war uns allemal - als wir selbst in die Schule kamen und auch Jahre später, als unsere Kinder einge­schult wurden und wir als Eltern gleich noch mal mit. Kein Wunder! Schließlich verändert sich mit der Einschulung eine ganze Menge im Leben eines Kindes und seiner Familie. Der freiwillige Kita-Besuch wird von der Schulpflicht abgelöst. Der Tagesablauf muss nun zum Stundenplan passen. Auf die Erstklässler und ihre Eltern warten jede Menge neue Aufgaben. Kurzum: der Schulanfang ist eine Zäsur. Aber diese Zäsur ist keine Stunde Null im Hinblick auf Lernen und Bildung! Da kommen Menschenkinder in die Schule, die bereits eine Menge Wissen erworben haben, spielerisch und mit großer Ernsthaftigkeit.

Um diese Kinder, um ihre und damit auch um unsere Zukunft geht es. Auch wenn es sich inzwi­schen herumgesprochen hat, sage ich noch einmal in aller Deutlichkeit: Die wichtigste Zukunfts­investition, die wir leisten müssen und leisten können, ist Bildung. Damit ich nicht missverstanden werde: Es geht mir bei Bildung nicht darum, Menschen von klein auf mit Bildung ausschließlich für die Arbeitswelt fit zu machen und sogenanntes Humankapital zu entwickeln. Johannes Rau, dem Bildung eine Herzenssache war, hat in einer seiner Reden deutliche Worte über den, wie er es nannte, „Nützlichkeitszwang des Lernens“ gefunden: „Wer ausschließlich vom ‚Bedarf’ her denkt, hat schon verfehlt, was mit Bildung eigentlich gemeint ist. ... Die drei bleibenden Ziele von Bildung sind: die Entwicklung der Persönlichkeit, die Teilhabe an der Gesellschaft, die Vorbereitung auf den Beruf.“

Gleichwohl müssen wir auch auf Bildung setzen, weil wir uns in Brandenburg im härter werdenden globalen Wettbewerb befinden. Die Endlichkeit traditioneller Rohstoffe, der Klimawandel, die demografische Entwicklung fordern uns dabei heraus. Der weltweite Wettbewerb wird um Ressourcen und Absatzmärkte geführt. Es ist aber auch und immer öfter ein Wettbewerb um kluge Köpfe und um Ideen. Ein effizientes Bildungssystem ist da ganz klar ein Wettbewerbsvorteil.

Die nordischen Länder, zum Beispiel Finnland, haben uns das vorgemacht. Dort ist der Umbau des Bildungssystems gelungen und hat sichtbare und messbare Erfolge gebracht. Finnland gehört nicht nur bei der PISA-Studie seit Jahren zu den Spitzenreitern. Es ist auch eines der führenden OECD-Länder bei Innovationen, Technologietransfer, Wirtschaftskraft und sozialer Gerechtigkeit.

Beeindruckend und nachahmenswert am finnischen Bildungswesen sind für mich immer wieder die Kultur des Umgangs mit Kindern, das Mitein­ander aller zugunsten guter Bildung und die Durchlässigkeit des Bildungssystems. Wie erreicht man das? Es sind keine Geheimrezepte und einiges davon kostet zumindest nicht mehr Geld als wir jetzt bereits ausgeben. Finnland hat an den richtigen Stellschrauben für gute Bildung gedreht: 1. Bildung kann nur so gut sein wie diejenigen, die sie vermitteln. Also müssen die Richtigen für den Erzieher- und Lehrerberuf gewonnen werden und sie müssen sehr gute Ausbildung, Fort- und Weiterbildung erhalten.

2. Das Bildungssystem muss jedem Kind die für seine Voraussetzungen und Möglichkeiten beste Bildung anbieten. Das schließt individuelle Förderung mit ein. Das erfordert Flexibilität und Durchlässigkeit. Die Übergänge zwischen den Bildungsstufen und Bildungseinrichtungen müssen Brücken sein und nicht Barrieren. Die Abschlüsse müssen auch Anschlüsse sein, damit jeder seine Bildungsziele erreichen kann.

Warum sollten wir das eigentlich nicht hinkriegen?

Schließlich hat Bildung nicht erst seit gestern Priorität in der Landespolitik und auch im Landeshaushalt. Unserem erklärten Ziel, Brandenburg zu einem besonders kinder- und familienfreundlichen Land zu machen, sind wir in den letzten Jahren ein gutes Stück näher gekommen. Unser Anspruch ist und bleibt, kein einziges Kind zurückzulassen auf seinem Weg ins Leben. Wir haben Entscheidungen getroffen, damit dieser Anspruch Wirklichkeit werden kann. Die Sprachstandsfeststellungen und –förderung, die Einrichtung der Flexiblen Eingangsphase in den Grundschulen und der Ausbau des Ganztagsschulangebotes auf schon 38 Prozent der 450 Grundschulen sind die wichtigsten Schritte gewesen. Gerade zum Wohle der Jüngsten müssen Gesundheits-, Familien-, Sozial- und Bildungspolitik abgestimmt und verzahnt werden, muss die Zusammenarbeit funktionieren. Die Netzwerke für gesunde Kinder und die lokalen Bündnisse für Familien zeigen, dass es miteinander am besten geht. Das gilt auch und besonders für die frühkindliche Bildung, der bei der Verbesserung unseres Bildungssystems eine besondere Bedeutung zukommt.

Denn das Fundament für Lernfreude und Lernfähigkeit und somit Bildung wird in der frühen Kindheit gelegt. Wer in Kita und Grundschule gute Erfahrungen mit dem Lernen macht, lernt später um so leichter, erfolgreicher und freudiger sein Leben lang. Die Jüngsten lernen überall, in der Familie, in der Kita und Schule, aber natürlich auch auf Spiel- und Sportplätzen, in der Musikschule. Nicht jedem Kind stehen aus unterschiedlichen Gründen so vielfältige Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Frühkindliche Bildung in Kita und Grundschule ist daher auch ein Schlüssel zur Integration und dient zum Ausgleich von möglichen Benachteiligungen im Elternhaus.

Ein dreijähriger Kita-Besuch trägt wesentlich dazu bei, Kinder aus bildungsfernen Schichten angemessen auf die Schule vorzubereiten. Das besagt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit dem Titel „Soziale Ungleichheiten beim Schulstart“. Das Risiko zum Beispiel der Rückstellung von der Einschulung wird durch den frühen Kindergartenbesuch fast ausgeglichen. Gerade auch deshalb wollen wir, dass möglichst viele Kinder Bildungsangebote in den Kitas wahrnehmen. Deshalb befürworten wir unbeirrt das gemeinsame Lernen bei gleichzeitiger individueller Förderung in der sechsjährigen Grundschule.

Brandenburg muss sich bei den frühkindlichen Bildungsangeboten nicht verstecken. Wir haben es geschafft, und das sage ich mit Stolz, seit der Wende ein flächendeckendes Angebot an Kitas im Land zu erhalten - und zwar Kitas, in denen früher als anderswo begonnen wurde, den Dreiklang von Bildung, Erziehung und Betreuung zu verwirklichen. Die meisten hier im Saal wissen, mit welchen Anstrengungen der Erhalt zahlreicher Kitas verbunden war und Umstrukturierungen bei der Trägerschaft, Finanzierung, Konzepten gemeistert werden mussten. Hätten damals nicht Eltern, Kommunen, Erzieherinnen, Landesregierung und viele andere an einem Strang gezogen, hätten wir das wohl nicht geschafft. So aber haben wir bis heute einen Versorgungsgrad mit Kitaplätzen, der bundesweit Spitze ist.

Doch wir wollen nicht nur eine bedarfsgerechte und bezahlbare Versorgung mit Kitaplätzen, wir wollen auch sehr gute Bildungsangebote in den Kitas. Ich sage es ohne Umschweife: Da gibt es noch viel zu tun! Um es vorweg zu nehmen, das liegt nicht an den Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen, die in unseren Kitas arbeiten, ganz im Gegenteil! Mit den steigenden Anforderungen an Bildung in der Kita, zum Beispiel für Sprachdiagnostik und Sprachförderung, brauchen die Erzieherinnen mehr Vor- und Nachbereitungszeit für individuelle Lernpläne, Dokumentation der Ergebnisse u.a. Unsere Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen arbeiten oft nach der regulären Arbeitszeit zu Hause weiter, nutzen Möglichkeiten zur Fortbildung, nehmen teil an Reformprojekten. Dafür möchte ich Ihnen hier im Saal – stellvertretend für das Kitapersonal im ganzen Land – ausdrücklich Danke sagen. Ein Dankeschön geht genauso an die Grundschullehrerinnen und –lehrer und die Schulleiterinnen und Schulleiter hier im Saal, ebenfalls stellvertretend für alle ihre Kolleginnen und Kollegen. Ich sage es gern und ich sage es deutlich: Sie alle leisten eine wichtige, eine unverzichtbare Arbeit für unser Land, wenn Sie den Schülerinnen und Schüler Freude am Lernen und gute Bildung vermitteln.

Mittel- und langfristig müssen wir Ausbildung, Bezahlung und Wertschätzung des Kita-Personals den hohen Anforderungen der frühkindlichen Bildung anpassen. Nur so gewinnen wir die Richtigen und die Besten für diesen Bildungsbereich. Nur so können wir den absehbaren erhöhten Fachkräftebedarf in den Kitas decken, der v. a. durch den bundesweiten Ausbau der Kitabetreuung entsteht. Nur so können wir dauerhaft die Qualität der frühkindlichen Bildung sichern. Nur so gewinnen wir mehr Männer für dieses Berufsfeld, das – nicht nur in Deutschland – fest in weiblicher Hand ist. Wir brauchen mehr Erzieher und selbstverständlich auch viel mehr Grundschullehrer für die Jungs als Ansprechpartner, Rollenvorbild, Kumpel. Das ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit im Bildungssystem. Das alles sind, wie ich finde, bundesweite Herausforderungen, denen sich die Länder und der Bund gemeinsam stellen müssen. Mit den vielfältigen Fortbildungsangeboten unseres Sozialpädagogischen Fortbildungswerks, das wir gemeinsam mit Berlin betreiben, und mit der Fortbildungsinitiative des Bundes für 80.000 Erzieherinnen und Erzieher, Tagesmütter und –väter ist ein wichtiges Zeichen gesetzt!Neben guten Lehr- und Erziehungskräften ist ein flexibles und durchlässiges Bildungssystem Erfolgsfaktor für gute Bildung im Allgemeinen und frühkindliche Bildung im Besonderen. Auch da gibt es noch viel zu tun. Kurzfristig ist das vor allem möglich durch eine gute Gestaltung der Übergänge innerhalb des Bildungssystems. Der zweite nationale Bildungsbericht widmet sich dieser Problemstellung und auch wir haben dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Nachdem wir uns Ende letzten Jahres mit dem Übergang von der Schule in die berufliche Bildung befasst haben, wird heute der Übergang von der Kita zur Grundschule Gegenstand des Erfahrungsaustausches und der Diskussion sein. In einer weiteren Bildungskonferenz im Herbst werden wir uns mit dem Übergang von der Schule zur Hochschule befassen. Veränderungen und Übergänge gehören zum Leben dazu, das wissen wir alle hier im Saal aus Erfahrung. Mal sehnlichst erwartet, mal gefürchtet, sind Übergänge stets mit Abschied und Neubeginn verbunden, sie bergen Chancen und Risiken gleichermaßen. Doch wir können die Chancen verbessern und die Risiken minimieren, wenn wir die Übergänge besser begleiten. Jeder erfolgreich gemeisterte und damit positiv erlebte Übergang stärkt die Bereitschaft, Neues zu wagen und Veränderungen anzunehmen. Deshalb geht es nicht darum, Übergänge gewissermaßen „einzuebnen“. Es sind und bleiben wichtige Zäsuren, die Entwicklungsfortschritte des Einzelnen deutlich machen. Aber gegenwärtig sind die Übergänge innerhalb des Bildungssystems noch oft eher Barrieren als Brücken. Unser System ist nicht durchlässig genug und eröffnet nicht jedem Kind die größtmöglichen Bildungschancen. Sozialer Aufstieg mittels Bildung wird eher behindert als gefördert. Das müssen wir dringend ändern.

Ich will den Praxisberichten, dem Fachvortrag von Frau Professor Röbe und der Podiumsdiskussion nicht vorgreifen, aber doch einige Bemerkungen aus landespolitischer Sicht zum Übergang von der Kita in die Grundschule machen.

Wir haben in Brandenburg wirklich gute Voraussetzungen, um eine beispielhafte frühkindliche Bildung für alle Kinder im Land zu gewährleisten. Etwa 90 Prozent unserer Jüngsten besuchen eine Kindertagesstätte. Unsere Grundschulen sind verlässliche Grundschulen und ermöglichen ein langes gemeinsames Lernen. Wir haben viele sehr erfahrene und sturmerprobte Erzieherinnen und Lehrkräfte, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind. Es ist ja kein Zufall, dass etwa jede zweite Schule und jede zweite Kita an einem Reformvorhaben beteiligt ist. Nach einer Umfrage des Landesinstituts für Schule und Medien sind nahezu alle Kita- und Schulleiterinnen von der Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Einrichtung überzeugt. Und vielerorts gibt es diese Zusammenarbeit bereits! In den letzten Monaten vor Schulbeginn finden Tage der offenen Tür an den Grundschulen für Kitakinder, ihre Eltern und Erzieherinnen statt. Es gibt gemeinsam von Kita und Schule organisierte Elternversammlungen.

Es gibt Kontakte, Kommunikation und Kooperationen zwischen vielen Kitas und Schulen in vielen Regionen Brandenburgs. Diese drei K’s sind notwendig und hilfreich, ja unverzichtbar, denn wie immer im Leben geht nicht alles glatt und nicht immer funktioniert die Zusammenarbeit reibungslos. Dazu sind die in der Vergangenheit aufgebauten gegenseitigen Erwartungshaltungen zu verschieden. Es gibt noch zu viele Vorurteile und Vorbehalte und hier und da sicher auch gut gemeinte, aber hinderliche Vorgaben der Administration. Noch immer gibt es die Vorstellung der aufnehmenden Einrichtung, die Kinder müssten passfähig von der abgebenden Einrichtung übergeben werden. Sie finden dieses Phänomen beim Übergang von der Schule zur Hochschule ebenso wie innerhalb des Schulsystems und eben auch beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Nur gut, dass man über solche verschiedenen Auffassungen und Erwartungen sprechen kann! Auch deshalb haben wir Sie, die Akteure dieses Prozesses nach Potsdam zum Gespräch eingeladen.

Gleichberechtigte und verlässliche Partnerschaft auf Augenhöhe und mit gemeinsamen Zielen kann man nicht verordnen. Sie muss wachsen aus dem Willen und Wollen aller Beteiligten heraus. Dennoch ist Politik gefordert, den Rahmen zu setzen, damit das gelingen kann. Welchen Beitrag leistet das Land über die bereits genannten Maßnahmen hinaus zur Qualitätsverbesserung in den Kitas?

Wir setzen tatsächlich und im Wortsinn einen Rahmen, einen gemeinsamen Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule. Einige von Ihnen sind sicher in das TransKiGs-Projekt involviert und wissen, dass GOrBiKs, die Abkürzung für den gemeinsamen Orientierungsrahmen, nicht am grünen Tisch des Bildungsministeriums erdacht wurde, sondern von Vertreterinnen und Vertretern des Kita- und Grundschulbereichs. Dabei hat sich schnell gezeigt: Das Kind in seiner Einzigartigkeit und Besonderheit ist die wichtigste Gemeinsamkeit von Kita und Grundschule. Mit GOrBiKs erhalten der Brandenburgische Bildungsplan für die Kindertagesbetreuung und die Rahmenpläne für die Grundschule eine gemeinsame Klammer. Verbunden durch eine gemeinsame Perspektive und durch gemeinsame Bezugspunkte werden den Erzieherinnen, Lehrkräften, aber auch den Eltern Möglichkeiten für ein abgestimmtes Handeln eröffnet. Darauf kann eine gemeinsame Philosophie, ein gemeinsames Bildungsverständnis gut aufbauen und zu gemeinsamem Handeln führen.

Ich bin guten Mutes, dass wir gemeinsam die frühkindliche Bildung in Brandenburg so ausbauen und verbessern, dass wir allen unseren Kindern optimale Startbedingungen für ihre individuelle Bildungsbiografie, für ihr ganzes Leben geben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger können und müssen wir tun.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der heutigen Veranstaltung einen guten Verlauf und uns allen viele Anregungen für die weitere Arbeit.