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Tag der Befreiung in Brandenburg erstmals offiziell als Gedenktag begangen

veröffentlicht am 08.05.2016

Erneut hat Parlamentspräsidentin Britta Stark zu einer produktiven Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte aufgerufen. Nach ihrer Überzeugung darf Gedenken nicht zu einem kollektiven Ritual erstarren. Der 8. Mai biete nicht nur Raum für wichtige Erinnerungsarbeit, sondern gleichermaßen Anlass, „Haltungen und Handlungsimpulse abzuleiten“, so Stark. Mit einer Gedenkstunde im Plenarsaal erinnerte der Landtag heute an den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des zweiten Weltkrieges in Europa vor 71 Jahren. Vor dem Hintergrund aktueller innenpolitischer und internationaler Entwicklungen stellte Stark in ihrer Rede drei zentrale Anknüpfungs- und Ansatzpunkte heraus. Eng miteinander verwoben sind für die Präsidentin der unnachgiebige Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechts-populismus, Deutschlands Umgang mit Schuld und Verantwortung sowie das Verhältnis zu Russland.

In diesem Spannungsfeld machte sie in ihrer Ansprache auf eine heikle Gratwanderung aufmerksam: „Heute ist Deutschland wieder ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft und wird für seine Weltoffenheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit geschätzt. Wir können unsere Vergangenheit nicht abschütteln. Auch die Verantwortung die aus ihr erwächst ist ein Teil von uns. Aber wir sollten der Versuchung widerstehen, die Rolle einer moralischen Avantgarde in der Welt zu übernehmen.“
Ferner richtete die Landtagspräsidentin ihr Augenmerk auf das deutsch-russische Verhältnis: „In Deutschland haben wir allen Grund, den Alliierten dankbar zu sein, ganz besonders den Menschen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Freiheit und Demokratie nur mit unseren Nachbarn und Partnern wiedergewinnen konnten. In der Gegenwart und Zukunft darf es keine Sprachlosigkeit, keine Abschottungspolitik gegenüber Russland geben. Angesichts weltweiter Krisen sollten wir den konstruktiven Dialog suchen und deutlich machen, dass Russland für uns ein strategischer Partner bleibt.“
Ministerpräsident Dietmar Woidke erinnerte in seiner Rede daran, dass Weltoffenheit, Toleranz und Freiheit nicht selbstverständlich sind. „Das sehen wir am Erstarken nationalistischer und rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern Europas. Das sehen wir an Gruppierungen, die sich die Verteidigung des Christentums und sogenannter abendländischer Werte auf die Fahnen geschrieben haben – aber die selbst zur Nächstenliebe gegenüber Hilfesuchenden nicht fähig sind. Es ist deshalb die vielleicht wichtigste Lehre des Zweiten Weltkriegs, dass aus Fremdenhass, Rassismus und aus Nationalismus nie etwas Gutes wachsen kann. Dieser Weg führt nur zu noch mehr Leid, aber zu weniger Freiheit. Insofern mahnt uns dieser Gedenktag, für unsere Demokratie zu kämpfen, mit Taten und Worten, aber immer ohne Gewalt. Er mahnt uns, unsere Freiheit zu erhalten, aber den Gegnern dieser Freiheit deutliche Grenzen aufzuzeigen. Und er erinnert uns daran, dankbar zu sein für 71 Jahre Frieden, denen noch viele weitere folgen mögen.“

Am 30. April 2015 fasste der Landtag den Beschluss, den 8. Mai als Gedenktag in das Brandenburger Feiertagsgesetz aufzunehmen („Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des zweiten Weltkrieges in Europa“). Der Einladung zur heutigen Gedenkstunde folgten 100 Gäste aus den Bereichen Politik, Diplomatie, Justiz, Gedenkstättenarbeit, Kirche, Wirtschaft, Verbände, Vereinigungen, Vereine und Zivilgesellschaft.

Eine der Hauptreden hielt der Zeitzeuge Leon Schwarzbaum (*1921). Er war im KZ Auschwitz, verschiedenen Außenlagern und im KZ Sachsenhausen inhaftiert und überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen nach Schwerin. Als zweiter Hauptredner richtete Prof. Dr. Sönke Neitzel (*1968) das Wort an die Anwesenden. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam.