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Eröffnungsveranstaltung Kulturland Brandenburg 2009: „Freiheit. Gleichheit. Brandenburg. Demokratie und Demokratiebewegungen“ am 6. Mai 2009

veröffentlicht am 06.05.2009

Anrede
- Herr Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh (Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten),
- Frau Brigitte Faber-Schmidt (Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende Kulturland Brandenburg e.V.),
- Frau Ministerin Prof. Dr. Johanna Wanka (MWFK),
- Herr Minister Reinhold Dellmann. (MIR),
- Frau Dr. Sigrid Grabner (Autorin und Festrednerin),
- Damen und Herren,

Ich begrüße Sie recht herzlich zur Eröffnung des diesjährigen Kulturland-Jahres. Das Thema „Freiheit. Gleichheit. Brandenburg. Demokratie und Demokratiebewegungen“ begleitet uns, obwohl wir erst heute den offiziellen Auftakt geben, in der einen oder anderen Form schon seit Beginn des Jahres.

Unzählige Veranstaltungen und Projekte dokumentieren den gesellschaftlichen Auf- und Umbruch des Jahres 1989. Gleich im Dutzend erscheinen Bücher zur deutsch-deutschen Geschichte und besonders zum Herbst 1989. In den Medien können wir Diskussionsrunden verfolgen, deren Vielstimmigkeit beachtlich ist. Wir befinden uns 20 Jahre nach dem Fall der Mauer 2009 mitten in einem spannenden, ja auch angespannten Jahr. 2009 ist ein Superwahljahr.

Als Brandenburgerinnen und Brandenburger sind Sie gleich zu drei wichtigen Wahlen aufgerufen: zur Europawahl am 7. Juni, zur Bundestags- und Landtagswahl am 27. September. Der Wahlkampf wirft hier und da schon seine Schatten voraus. Und das alles vor dem Hintergrund einer beispiellosen Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen nicht nur unsere Wirtschaftskraft sondern auch den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf eine harte Probe stellen.

Da ist es gut, sich für einen Moment zurück zu nehmen, um die Dinge mit etwas mehr Abstand zu betrachten – über den Horizont des Alltags hinaus. Welcher Ort könnte sich für einen Einstieg in das Kulturland-Jahr 2009 deshalb besser eignen als der Sacrower Schlosspark mit der Heilandskirche, die mit ihrer wechselvollen Geschichte selbst eng mit dem Bau und dem Fall der Mauer verbunden ist?

Die Initiative zur Renovierung der Heilandskirche, die sich von 1961 bis 1989 im Niemandsland vor der Mauer befand, kam Mitte der achtziger Jahre vom Westen aus, vom damaligen Regierenden Bürgermeister von Westberlin, Richard von Weizsäcker. Damit wurde die Heilandskirche zum Symbol für die Überwindung trennender Grenzen – und das lange vor dem Fall der Mauer.

Auch deshalb ist Sacrow ein so geeigneter Ort, um das Themenjahr des Kulturlandvereins zu eröffnen. Und nebenbei bemerkt: Eine feierlichere Atmosphäre als hier vor Ort könnte kein Regisseur besser inszenieren.

Hier fließt alles zusammen: historisches Kulturerbe, Zeitgeschichte, bürgerliches Engagement. Vor nicht ganz 20 Jahren mag die Stimmung ähnlich gewesen sein, als hier zum ersten Mal seit 28 Jahren die Glocken zur Weihnachtsvesper läuteten.

Anrede,
Brandenburg hat viele Orte des Erinnerns. Allein hier in Potsdam: die Glienicker Brücke, das „Lindenhotel“, oder die vielen Kilometer der ehemaligen Mauer, die heute kaum noch wahrnehmbar sind. Aber Kulturland Brandenburg versteht es immer wieder, mit den gewählten Orten und Veranstaltungen ganz besondere Akzente zu setzen. Und so lautet die Frage in diesem Kulturland-Jahr auch nicht allein: Was hat sich mit und seit dem Mauerfall getan? Sondern: Was hat sich in den Jahrhunderten seit den Anfängen demokratischer Bewegungen getan? Seit Hardenberg, seit dem „Vormärz“ und der Revolution von 1848 und seit dem Übergang Preußens zu einem bürgerlichen Verfassungs-, National- und Industriestaat.

Welche Bezüge lassen sich zu den einzelnen Epochen heute herstellen? Wo sind die Wurzeln demokratischer Bewegungen, und was können wir daraus für unsere heutige Zeit lernen? Hier mit neuen Ansätzen, Projekten und Veranstaltungsangeboten auf die Menschen zuzugehen und sie im besten Sinne zu verführen – das ist das Ziel im Kulturlandjahr 2009.

Ich bin mir sicher: Die Veranstaltungen werden für Aufmerksamkeit sorgen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Die Themenreihen von Kulturland sind zu einem Aushängeschild und einer echten Marke für die Brandenburgische Kulturlandschaft geworden, auch über das jeweilige Themenjahr hinaus. Denn die Kulturlandprojekte geben Impulse für Kooperationen und Netzwerke, die das Kulturangebot nachhaltig beleben. So entstehen interdisziplinäre Partnerschaften weit über den Kulturbereich hinaus – von der Wissenschaft über die Stadtentwicklung bis zum Tourismus.

Der Titel des Kulturland-Jahres 2009 verheißt eine gewohnt anregende Bandbreite: „Freiheit, Gleichheit, Brandenburg. Demokratie und Demokratiebewegungen“: Darin stecken Aufbruch und Hoffnung. Und die Anspielung an die Devise der Französischen Revolution macht deutlich: Auch in Brandenburg wurde Zeitgeschichte geschrieben.

Die Demokratie begann in dem Augenblick, in dem sich vor zwanzig Jahren die Menschen eingemischt haben, in den damaligen Bezirken Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus. Sie begann nicht erst mit dem Aufbau demokratischer Strukturen. Das, was wir heute „Revolution“ nennen, hat im Kleinen begonnen. Wer damals in Potsdam auf den Pfingstberg zog mit Spaten, Schaufeln und Heckenscheren, um dem unsäglichen Verfall und der Verwahrlosung zu Leibe zu rücken, der hat objektiv vielleicht nicht mehr getan als in einer verwilderten historischen Parkanlage Müll zu sammeln oder zugewachsene Wege freizulegen. Und trotzdem begann mit solchen Aktionen etwas Neues. Bürger kümmerten sich um ihr Gemeinwesen, ohne dass es von oben vorgegeben und geplant worden ist. Wir wollten etwas verändern und nicht länger zusehen, wie unser Lebensumfeld immer lebensunwerter wurde.

Morgen, am 7. Mai, jähren sich zum 20. Mal die Kommunalwahlen in der DDR: Es war einer der großen Erfolge der Bürgerrechtler nachzuweisen, dass das offizielle Ergebnis gefälscht war. Die Wahl hatte genau das Gegenteil von dem bewirkt, was das SED-Regime beabsichtigte.

Wut und Empörung wuchsen in der Bevölkerung so sehr, dass viele nicht mehr gewillt waren, die Bevormundung hinzunehmen. Die Menschen wollten ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und sich nicht mehr vorschreiben lassen, was gut und richtig sein sollte.

Wenn wir heute Umfragen entnehmen, dass offenbar immer mehr Menschen politik- und demokratieverdrossen sind, dann sollte man genau an diese Form der gelungenen Eigeninitiative für Freiheit und die Wahrung von Rechten erinnern. Sicher: Der Selbstfindungs- und Aufbauprozess nach 1990 war nicht immer und nicht für jeden einfach. Aber wir standen weder vor 20 Jahren noch heute mit leeren Händen da. Im Gegenteil: Im zwanzigsten Jahr nach dem Fall der Mauer haben wir allen Grund, stolz auf das Erreichte zu sein.

Nebenbei bemerkt zeigt genau das ein Projekt wie „WendePunkte“ der Arbeitsgemeinschaft der Städte mit historischen Stadtkernen. Gerade auch die städtebaulichen Veränderungen im Land zeugen vom demokratischen Aufbruch und verwirklichter Eigeninitiative.

Genau daran sollten wir anknüpfen. Denn hinter dem abstrakten Begriff „Demokratie“ verbirgt sich nichts, was dem Alltag entrückt oder dem Einzelnen fern ist:

Es sind die tagtäglichen Fragen danach, wie unsere Zukunft aussehen soll und wie wir sie gemeinsam gestalten können. Die Politik braucht die kritische Begleitung durch die Bürger. Sie braucht Widerworte und Konfliktbereitschaft. Deshalb kann ich allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes Brandenburg nur zurufen: Es ist Euer Land, es ist Eure Geschichte, es ist Eure Zukunft! Genau darum geht es doch: Demokratie heißt Beteiligung.

Ich bin mir sicher, dass die Kulturlandkampagne einen Beitrag dazu leisten kann, eben hier wachzurütteln, vielleicht manchmal auch unsanft. In jedem Fall bietet das Kulturland-Jahr 2009 Gelegenheit, um mit Stereotypen aufzuräumen.

Ich freue mich daher besonders, dass so viele Projekte aus Kultur, Kunst und Wissenschaft eingereicht wurden, knapp 120. Schon allein daran wird das Bedürfnis erkennbar, sich mit Fragen der Demokratie ernsthaft auseinander zu setzen – unkonventionell und bürgernah.

An dieser Stelle mein Dank an alle Beteiligten und verlässliche Partner, die helfen, das Kulturland-Netzwerk Jahr für Jahr weiter auszubauen. Auch für die Landesregierung hat Kulturland einen besonderen kulturpolitischen Stellenwert.
Deshalb haben wir auch trotz der schwierigen Haushaltslage an der bisherigen Höhe der Förderung festgehalten. Das sind gut investierte Mittel. Davon können Sie sich alle ab heute wieder überzeugen!
Ich danke Ihnen.