Wie lange noch ist der Geldbeutel unterschiedlich gefüllt?
Ansätze zu einer gerechteren Bezahlung und Bewertung der beruflichen Arbeit von Frauen und Männern
Chancengleichheit bei der dienstlichen Beurteilung der Arbeitsleistung von Männern und Frauen ist noch längst nicht selbstverständlich (vgl. format B, Nr. 3/2002). Auch die Einkommen klaffen erheblich auseinander, was zum Teil eng mit der Unterbewertung von Anforderungen und daher zu niedrigen Einstufung von Tätigkeiten zusammenhängt, wie sie für frauendominierte Berufe typisch sind. Ein ermutigendes Beispiel, wie es anders geht, hat der Schweizer Kanton Fribourg vorgemacht. Mit dem diskriminierungsfreien ABAKABA-Punktesystem haben dort Krankenschwestern eine stärkere Anerkennung der psycho-sozialen und physischen Belastungen ihres Berufes erfahren und dank dieser Neubewertungspraxis im öffentlichen Dienst seit Beginn des Jahres monatlich 300 Franken (ca. 205 EURO) mehr im Geldbeutel.
Nach wie vor deutliche Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in Ost und West
Deutliche Unterschiede bei Vergütung, Berufsaussichten und Positionen im Erwerbsleben zwischen Männern und Frauen zeigt der vom Bundesfrauenministerium vorgelegte "Bericht der Bundesregierung zur Berufs- und Einkommenssituation von Frauen und Männern" auf. In konsequenter Anlehnung an den Gender-Ansatz informiert er detailliert über geschlechtsbedingte Einkommensdifferenzen in Ost und West, analysiert Ursachen für diese Ungleichheiten und kennzeichnet den hieraus resultierenden Handlungsbedarf - u.a. auch im Hinblick auf eine Neugestaltung des Tarifrechts im öffentlichen Dienst.
Dem Bericht zufolge erreichen vollzeitbeschäftigte Frauen in den alten Bundesländern im Durchschnitt 75 Prozent, in Ostdeutschland 94 Prozent des Einkommens der Männer. Bemerkenswert ist hierbei folgende Feststellung: Je höher das Ausbildungsniveau, umso größer fällt der geschlechtsspezifische Einkommensabstand aus. Zwar steigt mit zunehmender Qualifikation das Einkommen bei Frauen und Männern an, aber eine hoch qualifizierte Ausbildung führt bei Frauen nicht automatisch zu einem gleich hohen Einkommen wie bei Männern. Und je älter Frauen sind, desto größer ist der Abstand zum durchschnittlichen Einkommen der gleichaltrigen Männer. Während deren Karrierechancen mit zunehmendem Alter steigen, nehmen sie für Frauen demgegenüber ab. Teilweise gravierende Einbußen zu Lasten der Seniorinnen ergeben sich dementsprechend auch bei den Renten.
Frauendominierte Berufe häufig unterbezahlt - z.B. die Altenpflegerin
Als eine der Ursachen für die ungleiche Bezahlung wird von Expertinnen und Experten die Anwendung verschiedener Maßstäbe bei der Bewertung der Arbeit von Frauen und Männern hervorgehoben. Sie weisen darauf hin, dass die geltenden Tarifverträge wichtige Anforderungen, wie etwa psycho-soziale oder physische Belastungen oder auch Kommunikations- und Managementfähigkeiten nicht bewerten, die insbesondere "frauendominierte" Berufe, d.h. mit mehr als 70 Prozent weiblichen Beschäftigten, kennzeichnen.
Bei einem Vergleich der Anforderungen an die Berufe der Altenpflegerin und des Abwassertechnikers auf der Basis der "Analytischen Arbeitsbewertung nach Katz und Baitsch" (ABAKABA) wurde der Beruf "Abwassertechniker" mit nur 40, der Beruf "Altenpflegerin" jedoch mit einer mehr als doppelt so hohen Punktzahl von 85 bewertet (Quelle: Gewerkschaft ver.di). Begründet wurde sie mit der bei dieser Tätigkeit erforderlichen Fähigkeit zur Kooperation, Einfühlung und zum Ertragen von unangenehmen bis ekelerregenden Situationen, die bei der Einstufung Berücksichtigung finden muss. Angesichts der mangelhaften Bezahlung und des geringen Ansehens dieses Berufes sind nicht von ungefähr in der Kranken- und Altenpflege derzeit bundesweit ca. 40.000 Stellen unbesetzt.
Deutliche Unterschiede hinsichtlich der Bezahlung und Bewertung lassen sich auch beim Vergleich der Anforderungen an die Berufe eines "Diplom-Ingenieurs" und einer "Diplom-Bibliothekarin" sowie an die Tätigkeit einer "Sekretärin" bzw. "Schreibkraft" und eines "Lagerarbeiters" festmachen. Letzterer verdient - obwohl ohne Ausbildung - 153 Euro mehr - die Belastungen im Rahmen von Sekretariatsarbeiten werden dagegen grob unterschätzt und kaum leistungsgerecht bewertet (Quelle: Berufs- und Einkommenbericht der Bundesregierung bzw. DGB). Und würde bei den Erzieherinnen deren umfassende Verantwortung für Menschen anerkannt, müssten sie drei Tarifstufen höher eingruppiert sein.
Bundesregierung kündigt Maßnahmen an zur Verringerung der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen
Auf der Grundlage ihres Berufs- und Einkommensberichtes von Frauen und Männern im Juni 2002 hat die Bundesregierung eine von der EU geförderte internationale Konferenz zum Thema "Equal Pay" durchgeführt und hierbei neue bzw. vorbildliche Verfahren bei der Arbeitsbewertung mit anderen Ländern ausgetauscht. Die Dokumentation wird demnächst unter www.equal-pay.de ins Netz gestellt.
Hervorzuheben sind vor allem die gleichstellungspolitischen Ausführungen hierzu im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Sie wird gemeinsam mit den Sozialpartnern nach Wegen suchen, um dem Grundsatz "Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" in der Praxis zu entsprechen: Im Geltungsbereich des Bundes soll dieses Ziel umgesetzt und auch der Bundesangestelltentarif neu strukturiert werden. Zum Abbau von Benachteiligungen ist beabsichtigt, die Auswirkungen der Steuerklasse V auf die Erwerbstätigkeit von Frauen zu überprüfen und mit dem Schwerpunkt auf der Bewertung von Arbeit einen weiteren Bericht der Bundesregierung vorzulegen.
[ Marion Lührig ]
marion.luehrig@masgf.brandenburg.de
23.12.2002

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