format_B

Impressum | SiteMap

Das wackere Schreiberlein oder die Zeichnungsbefugnis

Es war einmal ein wackeres Schreiberlein, das schrieb und schrieb und schrieb. In seiner langen Dienstzeit hatte es so viel geschrieben, dass die von ihm verfassten Schriftstücke einen ganzen Container füllten.

Das wackere Schreiberlein lebte im Reich Autoritäria. Es war sehr fleißig und wusste, was sich gehört. Es huldigte den höheren Herren, dem Fürsten, dem König und dem Kaiser, wo es nur konnte. Diesen hohen Herren näherte es sich nur in devoter Haltung und mit großer Ehrfurcht.

Nun begab es sich zu einer Zeit, in der schwere Unwetter das Reich Autoritäria und auch das Nachbarland, das Reich Bureaukrathien, bedrohten, da hatte das wackere Schreiberlein im Traum eine Vision: Ein Orakelpriester prophezeite, das Reich Bureaukrathien würde dieser Tage von einem schweren Unwetter heimgesucht werden. Die zu erwartenden gewaltigen Schäden könnten nur durch rechtzeitige Vorkehrungen gemildert werden.

Das wackere Schreiberlein entwarf unverzüglich eine Depesche, um den Kaiser von Bureaukrathien vor dem Unwetter noch rechtzeitig zu warnen.

Nun ließ es aber die Geschäftsordnung des Reiches Autoritäria nicht zu, dass ein kleines Schreiberlein so einfach dem Kaiser eines anderen Reiches einen Brief schreiben durfte. Soviel stand fest, die Zeichnungsbefugnis für diese Depesche oblag dem Kaiser von Autoritäria höchstpersönlich. Das wackere Schreiberlein gab den vorgefertigten Depeschenentwurf, unter Einhaltung des vorgeschriebenen Dienstweges, seinem Fürsten. Der Fürst, mit Namen Referenticus, meinte, der Brief müsse noch einmal geschrieben werden, weil für Schreiben an auswärtige Kaiser grundsätzlich güldene Tinte verwendet werden müsste, dies sei so vorgeschrieben. Das wackere Schreiberlein hatte wegen der Eilbedürftigkeit schwarze Tinte verwendet, weil es die güldene Tinte hätte erst anfordern müssen.

Nach Beschaffung eines neuen Tintenfasses, tauchte nun das wackere Schreiberlein, wie ihm aufgetragen, seinen Federkiel in die güldene Tinte, schrieb die Depesche noch einmal und gab sie erneut dem Fürsten Referenticus. Dieser zeichnete die Depesche ab und reichte sie an König Referatius weiter. König Referatius meinte, die Anrede „Sehr geehrter Herr Kaiser“ und die Grußformel „Mit freundlichen Grüßen“ seien falsch, die Anrede müsse heißen: „Seine Exzellenz, dem hochwürdigsten, hochverehrten Herrn Kaiser des Reiches Bureaukrathien“ und die Grußformel: „Genehmigen Sie hochwürdigster Herr Kaiser den Ausdruck meiner Verehrung und Hochachtung“, dies sei Vorschrift bei Depeschen an kaiserliche Hoheiten.

Das wackere Schreiberlein korrigierte den Entwurf entsprechend und gab ihn erneut in den Geschäftsgang. Fürst Referenticus und König Referatius zeichneten das Schreiben ab und gaben es dem Kaiser Abteilicus.

Kaiser Abteilicus war außer sich vor Zorn und ließ nach dem wackeren Schreiberlein rufen. Der Kaiser verpasste dem wackeren Schreiberlein eine gehörige Zigarre. Abteilicus meinte, er unterzeichne schließlich diese Depesche in seiner Funktion als Kaiser. Er würde sich mit der Anrede „Seine Exzellenz, dem hochwürdigsten, hochverehrten Herrn Kaiser des Reiches Bureaukrathien“ und der Grußformel „Genehmigen Sie hochwürdigster Herr Kaiser den Ausdruck meiner Verehrung und Hochachtung“ erniedrigen und dem Kaiser von Bureaukrathien unterwerfen, und das könne ja nicht sein. Beide Kaiser befänden sich schließlich auf der gleichen Hierarchieebene. Die Depeschen von Kaiser zu Kaiser werden mit der Anrede „Verehrter Herr Kollege“ und mit der Grußformel „Mit kollegialen Grüßen“ versehen. Außerdem würden Schreiben mit güldener Tinte zu protzig wirken, schwarze Tinte genüge in diesem Falle. Das wackere Schreiberlein solle sich dies gefälligst hinter die Ohren schreiben und die Depesche nun endlich in die richtige Form bringen.

In diesem Augenblick stürzte ein Kurier des Reiches Bureaukrathien völlig aufgelöst in den kaiserlichen Thronsaal von Abteilicus und berichtete atemlos, ein Unwetter hätte das Reich Bureaukrathien verwüstet, auch er wäre nur knapp dem Tode entronnen. Das Reich sei nun vollständig vernichtet. Wäre man frühzeitig gewarnt worden, röchelte der Kurier, hätte man noch einiges retten können. Aber Unwetter ließen sich ja nun mal nicht voraussehen.

Da erzürnte der Kaiser Abteilicus über alle Maßen. Er ließ das wackere Schreiberlein wegen Verschleppung eilbedürftiger Informationen in den Kerker werfen, dort sollte es ein Leben lang schmoren. Außerdem wurde es zu einer dreimonatigen Beförderungssperre verurteilt, was dem wackeren Schreiberlein besonders zu Herzen ging. Aber am meisten litt es unter dem Schuldgefühl, für die Verwüstungen in Bureaukrathien verantwortlich zu sein.

Da die Planstelle des Kaisers von Bureaukrathien gerade frei geworden war, wurde König Referatius wegen seiner enormen Durchsetzungskraft dort zum Kaiser ernannt, in dieser Position erwarb er sich hohes Ansehen beim Wiederaufbau des Bureauwesens. Fürst Referenticus wurde wegen seiner hervorragenden Kenntnisse auf dem Gebiet der GGO zum König befördert.

Es kehrte wieder Ruhe in Autoritäria und Bureaukrathien ein, und so lebten sie glücklich und zufrieden alle Tage, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Detlef Schmidt ]
detlef.schmidt@stk.brandenburg.de

21.01.2004